Versteckte Fantasie im Innenhof

Chantal Wartenweiler, Fotos Stefano Schröter
abl-magazin 09/2020

Es könnte ein Wal sein, ein Kamel oder auch ein Fischreiher: Das Eichenholz aus dem Jura nimmt langsam Formen an, entfaltet sein Gesicht und seine Gestalt im Auge des Betrachters oder der Betrachterin. 

Im vergangenen Herbst gewann der Holzbildhauer René Odermatt den Wettbewerb Kunst und Bau für die Siedlung Himmelrich 3. Beim Besuch in seiner Werkstatt in Merlischachen sprechen wir über sein Handwerk und die versteckte Fantasie in und zwischen seinen Werken. «Sie erinnern an archaische Gebilde, halb Schwemmholz, halb Trophäen. Was sie darstellen, ist vorerst nicht zu erkennen», beschreibt René Odermatt seine aktuelle Arbeit. Aus Eichenholz entstehen überdimensionale Nachbildungen von Wurzelstöcken. Er nennt sie Porträts Nr. 14, 15 und 16. Porträts, weil sie mehr sind als blosse Vergrösserungen. Vielmehr laden sie die Betrachterin oder den Betrachter dazu ein, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen, gleichartig wie im Sinne des Phänomens der Pareidolie: in Dingen und Mustern sind plötzlich vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen.

Jurassische Eichen auf dem Weg zur Kunst
Letztes Jahr waren die Eichen im Jura zu Hause und wussten noch nicht, dass sie bald für eine Reise abgeholt werden. Als der Frühling Einzug hielt, war es soweit und sie nahmen Platz in einem grossen Lastwagen. Zielort: Lungern in Obwalden oder anders gesagt die grossen Hallen der neuen Holzbau AG. Ab dann trennten sich ihre Wege und auch die Form veränderte sich – ganz nach der Idee des Künstlers. Aus Eichenholzlatten, die verleimt und gepresst werden, entsteht zuerst ein Holzblock. Wie lässt sich das Bild im Kopf auf das Holz übertragen? «Ich habe ein kleines Modell, an dem ich mich 

orientiere. Beim Grobschnitt nahm ich jeweils eine Fettkreide in die Hand und markierte einzelne Punkte. Schliesslich ist es aber ein ständiges Beobachten der Form, ein Abgleichen und Weiterarbeiten.» Nach zwei Wochen tauschte er die grosse Benzin-Motorsäge schliesslich gegen kleinere Akku-Motorsägen ein.

Seitenwechsel zwischen Werkstatt und Atelier
Die Sägen liegen beim Treffen in Merlischachen auf einer Holzbank. Mittlerweile kommt auch der Winkelschleifer, eine Art Schleifmaschine, immer mehr zum Einsatz und verleiht den Porträts schrittweise ihre präzise Form. Während die beiden Porträts Nr. 15 und 16 in Merlischachen weilen, wartet in seinem Atelier in Küssnacht am Rigi das Porträt Nr. 14 auf ihn. Wer jetzt denkt, dass die Porträts nacheinander entstehen, liegt falsch: «Beim Arbeiten gehe ich nicht linear vor, sondern entscheide situativ, an welchem ich weiterarbeite.» Dabei habe er keine Lieblingsarbeit, sondern mag das Sägen genauso gern wie die Ausarbeitung mit Meissel und Klüpfel. Die Abwechslung und der individuelle Blick auf das entstehende Werk sind ihm wichtig. 

 

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Zur Person
René Odermatt ist 1972 in Zug geboren und in Kriens aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet er in Küssnacht am Rigi und Luzern. 1992 erhält er das Diplom zum klassischen Holzbildhauer an der kantonalen Schule für Holzbildhauerei in Brienz. Nach einigen Jahren des künstlerischen Wirkens studierte er bildende Kunst an der Hochschule Luzern Design & Kunst und gründete 2010 ­gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern die Alpineum-Produzentengalerie. Mit seinen Werken war er mehrmals an der Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunstmuseum Luzern vertreten. Ebenso hat sich seine Kunst im öffentlichen Raum etabliert. Sein jüngstes Werk – es befindet sich im Seefeld-Park in Sarnen –   ist der Kentaur, eine aus Eichenholz ins Monumentale vergrösserte Wurzel eines Rebstocks. cw 

reneodermatt.ch, @rene.odermatt 

Aktuelle Ausstellung
René Odermatt und Diana Seeholzer
«Allmig», 23. Oktober bis 15. November 2020, Galerie Kriens

Nächste Schritte im Himmelrich 3
Bis Dezember 2020: Ausarbeitung
Frühjahr 2021: Installation/Versetzung Innenhof

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