Wohntraum ohne Hindernisse

Text Andreas Bättig, Fotos Stefano Schröter

Ende Oktober hat die Stiftung Contenti zusammen mit 18 Menschen mit einer Behinderung Wohnungen in der neuen Siedlung Himmelrich 3 bezogen. Als Teil der Nachbarschaft freuen sich die Bewohnerinnen und Bewohner auf neue Kontakte. 

 

Hansruedi Zurbuchen gefällt vieles an seinem neuen Zimmer. Zum Beispiel die grosse Terrasse, auf die er mit seinem elektrischen Rollstuhl fahren und dem Treiben im Innenhof der Himmelrich-Siedlung zuschauen kann. Oder, dass er an die Wand einen riesigen Fernseher montieren durfte, auf dem er die Spiele seiner Lieblingsmannschaft, dem FC Bayern München, verfolgen kann. Aber etwas an seinem 24 Quadratmeter grossen Zimmer geniesst er besonders. Einen «Luxus», auf den der 70-Jährige sein ganzes Leben lang warten musste: Zum ersten Mal hat er sein eigenes, sechs Quadratmeter grosses Bad. «Eine Premiere, über die ich mich wahnsinnig freue», sagt er. 

Zurbuchen ist einer von 18 Menschen mit einer Behinderung, die Ende Oktober in die neue Siedlung Himmelrich 3 im Neustadtquartier gezogen sind. Betreut werden die dreizehn Männer und fünf Frauen von der Stiftung Contenti, bei der die meisten auch eine Arbeitsstelle haben. Viele der Bewohnenden haben eine sogenannte Cerebralparese (CP). Das heisst, das sie seit Geburt eine Bewegungsbeeinträchtigung haben und sich oftmals nur mithilfe eines elektrischen Rollstuhls fortbewegen können.


Fensteröffnen per Knopfdruck

Auch Hansruedi Zurbuchen lebt mit einer CP und sitzt in einem solchen Gefährt. Deshalb ist er darauf angewiesen, dass sein Zimmer spezielle Features hat und barrierefrei ist, denn auch seine Arme und Hände sind in der Beweglichkeit stark beeinträchtigt. Die Zimmer und Balkontüre, das Licht, die Rollläden und den Lift kann er mithilfe einer kleinen Infrarotfernsteuerung bedienen. Diese steuert Zurbuchen mit seiner Nase. 

Ein Lift an der Decke hilft ihm beim Transfer vom Rollstuhl aufs WC, in die Dusche oder ins Bett. Und sollte er mal aus Versehen mit dem Rollstuhl in die Wand fahren, schützt eine 30 Zentimeter hohe Holzverkleidung den Verputz vor Dellen und Löchern. «Die Stiftung Contenti war von Anfang an bei der Planung der Wohnungen dabei und konnte ihre Bedürfnisse und Wünsche einbringen», sagt Geschäftsleiter Bruno Ruegge. Daher sei es möglich gewesen, so viele «Extrawünsche» umsetzen zu lassen. So wurden zum Beispiel grosse und durchgehende Terrassen gebaut, auf denen es genug Platz gibt, damit sich die Behinderten mit den elektrischen Rollstühlen gut drehen können. Auch gibt es keinen Absatz bei der Terrassenschwelle, der für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer ein Hindernis darstellt. In der Treffpunktküche sind die Tische elektronisch in der Höhe verstellbar. Und im gesamten Wohnbereich wurde ein spezieller «Flüsterbelag» eingebaut, der die Schritte des Personals dämpft und für eine ruhige, wohnliche Atmosphäre sorgt.

 

Auf Spenden angewiesen

Alle diese Extras kosten. Insgesamt knapp 4 Millionen Franken muss die Stiftung Contenti in den Ausbau des Wohn- und Betreuungsbereichs investieren. Geld, welches die Stiftung allein durch Spenden zusammentragen muss. Der Kanton stellt keine finanzielle Hilfe zur Verfügung. «Bis jetzt haben wir rund 3.3 Millionen Franken gesammelt. Wir nehmen noch immer jeden Rappen mit einem warmen Dankeschön entgegen», sagt Ruegge. Die Millionen seien für die kleine Organisation viel Geld. «Die Investition fühlt sich weniger wie ein Himmelrich als viel mehr wie ein Himmelfahrtskommando an», scherzt Ruegge. Mittlerweile laufe man schon ein bisschen auf den Felgen. Trotzdem lohne sich der Aufwand, ist er überzeugt. «Die Freude der Bewohnenden über ihre neuen Zimmer zeigt das mehr als deutlich.» Denn die früheren Wohnungen an der Gibraltarstrasse in Luzern seien klein und ringhörig gewesen. Privatsphäre gab es kaum und diese ist den Bewohnerinnen und Bewohnern natürlich wichtig: «Sie haben sich ja die Wohnsituation nicht ausgecht», sagt Ruegge. «Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft, keine Wunsch-WG.»


Kontakt erwünscht

Von Anfang an sei klar gewesen, dass man bei der Suche nach einem neuen Wohnort eine abl-Siedlung bevorzugt. «Der abl liegt der Austausch der Mieterinnen und Mieter am Herzen. Genau darauf legen auch wir von Contenti wert.» Die Zeiten, in denen Behinderte in einem Heim möglichst ausserhalb der Gesellschaft versteckt wurden, seien zum Glück vorbei. «Sie wollen ein Teil der Gemeinschaft sein und sind dies auch», sagt Ruegge. 

Dass es im Himmelrich zu Begegnungen zwischen nicht-behinderten und behinderten Mieterinnen und Mietern kommt, hat Contenti nicht nur dem Zufall überlassen. Mithilfe von Spenden wurde beispielsweise Geld für zwei Lifte gesammelt, die so gross sind, dass sowohl Behinderte mit ihren Rollstühlen als auch Nicht-Behinderte gemeinsam Platz haben. «Der Lift ist ein perfekter Ort für eine kleine, ungezwungene Begegnung», sagt Ruegge. Aber auch ausserhalb der Lifte ist Kontakt erwünscht. Dabei soll man keine Angst haben, beim Umgang mit behinderten Menschen auch mal in ein Fettnäpfchen zu treten: «Das Schlimmste ist, wenn man vor lauter Angst, das Falsche zu sagen oder zu machen, den Kontakt gar nicht erst sucht», sagt Ruegge. 

Über baldige Treffen mit seinen Nachbarn freut sich auch Hansruedi Zurbuchen. Einen Lieblingsort dafür hat er schon ausgemacht: Die grosse Dachterrasse, die auch mit dem Rollstuhl rundherum befahrbar ist. «Dort oben sieht man über die ganze Stadt bis weit in die Allmend und in die Berge», sagt Zurbuchen. Nur schon für diesen «gewaltigen Ausblick» habe sich der Zügelstress gelohnt. 

 

 

Contenti-Wörterbuch und Spenden

Die Stiftung Contenti hat zum Einzug ins Himmelrich ein eigenes Wörterbuch entwickelt. Es dokumentiert mit ausgewählten Begriffen wichtige Themen zum Wohnbauprojekt aus der Sicht von Contenti. Interessierte können auf der abl-Geschäftsstelle ein Exemplar abholen oder sofort hier mit Nachlesen beginnen. 

Weitere Informationen über die Stiftung Conteni gibt es unter www.contenti.ch. Für Spenden: PostFinance, IBAN CH 72 0900 0000 6079 0027 5, Stiftung Pro Contenti, Luzern.