«Man kann Verschiedenheiten haben, aber es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man sich nicht mehr in die Augen schauen kann. Deshalb ist es mir immer wichtig, Unstimmigkeiten zu klären.» Kayoum Eicher, seit fünf Jahren in der Brunnmatt zuhause, gibt uns Einblick in sein Leben.

Kayoum Eicher blickt auf Kriens.

Auf der Terrasse an der Brunnmattstrasse 22b, einige Stockwerke über seiner Wohnung, sitzt Kayoum Eicher in der Frühlingssonne, blickt auf Pilatus und Sonnenberg und kommt ins Schwärmen: «Hier kann ich ausspannen, den Feierabend geniessen, einen alkoholfreien Apéro mit Freunden trinken. Es ist so schön hier – ein kleines Paradies.»

Das abl-Gen sitzt tief
Als er vor rund fünf Jahren in seine Wohnung in der Brunnmatt zog, stellte er sich direkt zu Beginn allen Nachbarinnen und Nach barn mit einem kleinen Brief vor. «Nach und nach habe ich dann alle persönlich kennengelernt und mir jeweils Zeit genommen, mit ihnen zu plaudern. Wenn man offen in ein Haus einzieht und sich Mühe gibt, ist es einfach, sich mit den Menschen gut zu verstehen. Wenn ich dann einmal die Wäsche vergesse abzuhängen oder etwas übersehe, trägt mir das niemand nach.» Mit seinen 28 Jahren gehört Kayoum zu den jüngsten Bewohnern im Haus. Er staunt darüber, wie gut das Zusammenleben funktioniert – trotz unterschiedlicher Kulturen, Generationen, Ansichten und Religionen. Gegenseitige Hilfestellungen sind selbstverständlich und nicht selten verwöhnt ihn jemand aus der Nachbarschaft mit einer Portion Essen oder einem feinen Dessert, das er oder sie vorbeibringt. Kayoum sagt von sich, dass das abl-Gen in ihm verwurzelt ist. Sein Urgrossvater gehörte zu den ersten abl-Mitgliedern, später folgte die Mitgliedschaft seiner Grossmutter, dann die seiner Mutter. Mit ihr und seinem Bruder wuchs Kayoum im Himmelrich auf. Schmunzelnd erinnert er sich: «Als Kind zeichnete ich gerne Pläne und wollte unsere Wohnung nach meinen Wünschen verschönern und umbauen. Meine Mutter hielt mich zwar davon ab, brachte mich aber auf die Idee, später Schreiner zu werden, um eigene Möbel und Inneneinrichtungen gestalten zu können. 

In jungen Jahren steil nach oben
Bevor es jedoch so weit kam, entdeckte der zehnjährige Kayoum den Handball. «Am Anfang sah man mir wohl kein besonderes Talent an. Aber die Begeisterung für den Sport und die Trainings in der Spielgemeinschaft Pilatus brachten mich schnell weiter.» Für die Oberstufe trat Kayoum in die Sportschule Kriens ein. Aus zunächst zwei Trainingseinheiten pro Woche wurden bald acht, und bereits mit 18 Jahren schaffte Kayoum den Sprung in die Nationalliga A. Bei aller Handball-Leidenschaft war ihm jedoch bewusst, dass ihm eine Sportkarriere keine langfristige berufliche Perspektive garantierte. Gegen Ende der obligatorischen Schulzeit erinnerte er sich an seine frühe Passion und an den Rat seiner Mutter. Er absolvierte eine Lehre als Schreiner und schloss anschliessend die Berufsmaturität ab. «Neben dem Handball war das eine logistische Meisterleistung. Ich pendelte täglich und manchmal sogar über den Mittag zwischen der Schule in Luzern und dem Training in Kriens. Mit 20 Jahren brachte mich das zeitweise an meine Grenzen.» Diese Doppelbelastung meisterte Kayoum erfolgreich. Mit Blick auf die nähere Umgebung beschreibt er die anschliessende, für ihn grossartige Zeit: «Nur einen Steinwurf von hier entfernt fand ich eine Anstellung als Schreiner. Mein Arbeitsweg führte zu Fuss mitten durch die Badi. Gleich nebenan im Fussballstadion absolvierte ich jeweils mein Fitnesstraining und» – er deutet mit einer leichten Drehung in Richtung Stadtzentrum – «dort kaufte ich ein, bevor ich zufrieden nach Hause zurückkehrte.»

Dann kam Corona
Wie für viele Menschen brachte die Pandemie auch für Kayoum einschneidende Veränderungen mit sich. In der Nationalliga führten unterschiedliche Haltungen zu Diskussionen und Spannungen. «Ich war der Einzige, der sich nicht impfen lassen wollte. Daraus entstanden grosse Konflikte und mein Vertrag ging letztlich wegen meiner Haltung in die Brüche. Das war sehr schwer für mich. Handball war mein Leben, ich war im besten Alter, spielte auf hohem Niveau und wollte unbedingt weitermachen.» Gleichzeitig machte Kayoum während dieser Zeit eine weitere, überraschende Erfahrung: «Für viele war die Pandemie privat schwierig, weil das gesellschaftliche Leben stark eingeschränkt war. Für mich war es jedoch eine wertvolle Zeit. Ich hatte endlich Raum zum Durch atmen, ging oft wandern und übernachtete unter freiem Himmel.» Auf diesen «Corona-Streifzügen» gewann ein fast vergessenes Hobby wieder neue Bedeutung: das Fotografieren. Nun hatte er die Zeit, seine Fähigkeiten in Fotografie und Film autodidaktisch weiterzuentwickeln. Neben seiner Tätigkeit als Schreiner führte er schon bald erste Auftragsarbeiten aus. 

Puzzleteile, die sich zusammenfügen
«Ich ging so sehr in dieser Tätigkeit auf, dass ich irgendwann voll ständig darauf setzen wollte.» Kayoum entwickelte Werbekampagnen für Lebensmittel, produzierte Filmbeiträge für die Stadt Kriens und baute so seine selbstständige Tätigkeit als Fotograf und Filmemacher kontinuierlich aus. Der Erfolg brachte jedoch auch neue Herausforderungen mit sich. «Aus dem Spitzensport war ich es gewohnt, ausschliesslich nach meinen Leistungen be urteilt zu werden. Es fiel mir schwer, davon Abstand zu nehmen. Ich arbeitete immer mehr – Tag und Nacht, bis zur völligen Erschöpfung – und landete schliesslich in einem Burnout.» Diese Erfahrung prägte ihn tief. «Es hat extrem viel mit mir gemacht. Lange Zeit kämpfte ich darum, mein Leben Schritt für Schritt wie der in den Griff zu bekommen.» Zu diesem Weg gehörte auch die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Herkunft. Kayoum nahm Kontakt zu seinem Vater auf, den er kaum kannte. «Ich war noch ein kleines Kind, als er die Schweiz verlassen und in seine Heimat Tunesien zurückkehren musste.» Mit 26 Jahren fasste Kayoum den Mut, seinen Vater zu besuchen und diesen Teil seiner Geschichte besser kennen- und verstehen zu lernen. «Wir verbrachten viel Zeit miteinander, reisten gemeinsam und tauschten uns über unsere Lebenswege aus. Dabei entdeckten wir viele Parallelen. Endlich gelang es mir, meine bewegte Lebensgeschichte besser zu verstehen und mich mit ihr zu versöhnen.» Und mit einem Lächeln fügt Kayoum an: «Heute geht es mir Kayoum Eicher blickt auf Kriens. besser als je zuvor. Ich bin ausgeglichen und sehr dankbar für mein Leben. Viele Puzzleteile, die lange verstreut auf dem Tisch lagen, fügen sich nun Schritt für Schritt zusammen. Ich bin mit einer Frau zusammen, die gut zu mir passt, habe eine tolle Arbeit in einer Schreinerei, für die ich als nächstes den Social-Media-Auf tritt gestalten darf, und freue mich darauf, mich bald zum Berufsbildner ausbilden zu lassen.»