Wie wollen Menschen zusammenleben? Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich hat dafür unterschiedlichste Wohnformen erprobt. Ihre Erfahrungen zeigen, was sich bewährt und warum sich innovative Wohnkonzepte nicht einfach kopieren lassen.

Hallenwohnen bietet Raum für Kreativität.

Die «Kalki» ist eines dieser Wohnprojekte, das einfach neugierig macht. Mitten in Zürich treffen unterschiedlichste Menschen und Lebensformen aufeinander. Gewohnt wird klassisch, im Cluster oder in der Gross-WG. Als die Liegenschaft Kalkbreite 2014 bezogen wurde, war vieles davon ein Experiment. 2021 folgte mit dem Zollhaus ein zweites Grossprojekt der Genossenschaft, in dem weitere Wohnformen erprobt wurden.

Inzwischen ist aus den Experimenten Alltag geworden. Und genau das macht die Erfahrungen der Genossenschaft heute besonders interessant: Was bleibt von einer spannenden Idee, wenn Menschen über Jahre darin leben? Was entwickelt sich anders als gedacht? Und was würde man mit dem heutigen Wissen anders machen?

Aline Diggelmann, Co-Verantwortliche Kommunikation der Genossenschaft Kalkbreite, lässt den Blick durch den 2500 Quadratmeter grossen Innenhof schweifen und überlegt kurz. «Das sind Fragen, die wir uns als Genossenschaft gerade selbst stellen.» Die Bilanz fällt entsprechend vielschichtig aus. Da ist vieles, das Freude macht, manches, das im Alltag zum «Chrampf» wird – und dazwischen liegen Überraschungen und Learnings, die mitunter auch schmerzhaft waren.

Keine starre Planung
Ein Beispiel dafür sind die drei Clusterwohnungen. Je elf Kleinwohnungen mit eigener Nasszelle, Kochnische und separatem Eingang teilen sich dabei einen grosszügigen Wohn- und Essraum. «Die drei Cluster haben sich total unterschiedlich entwickelt», sagt Diggelmann. «Der eine funktioniert sehr gut, der andere ist von Spannungen geprägt und hat eine hohe Fluktuation. Und der dritte funktioniert unaufgeregt, nutzt aber den Gemeinschaftsraum kaum.»

Für Diggelmann führt diese Erfahrung zu einer zentralen Frage: Wie spezifisch soll ein Raum überhaupt für eine bestimmte Nutzung geplant werden? Die gemeinschaftlichen Wohnzimmer der Cluster sind genau für diesen einen Zweck konzipiert. Doch was geschieht mit ihnen, wenn die Bewohnenden sie kaum nutzen? Für Diggelmann ist deshalb klar, Experimentieren ist wichtig – aber es braucht einen Plan B. Und zwar schon vor Baubeginn. «Es braucht eine architektonische oder nutzungskonzeptionelle Rückfallebene. Was kann dieser Raum noch sein, wenn die ursprüngliche Idee nicht funktioniert?»

Die Gastroküche im Grosshaushalt bietet Platz für paralleles Kochen ...
... und anschliessend gemeinsames Speisen in der Cafeteria.

Wenn das Experiment Expertise braucht
Aufwendiger wird es dort, wo eine Wohnform spezielles Fachwissen voraussetzt. Diggelmann nennt dafür zwei Beispiele: den Grosshaushalt und das Hallenwohnen. Beim Grosshaushalt sind mehrere Wohnungen zu einem Verbund zusammengeschlossen. Beim Hallenwohnen wiederum übernehmen die Bewohnenden grosse, weitgehend rohe Hallen und gestalten ihren Wohnraum innerhalb dieser selbst.

Beim Grosshaushalt mit seiner von Bewohnenden geführten Gastroküche braucht es laut Diggelmann betriebswirtschaftliches Know-how, beim Hallenwohnen bauliches. Unterschätzt worden sei, wie viel Expertise nötig ist, damit diese individuellen Ausbauten bewilligungsfähig werden. «Es ist extrem spannend zu sehen, was die Bewohnenden daraus gemacht haben – aber es ist und bleibt eher ein Experiment als ein Modell, das zum Standard werden könnte.»

Wohnjoker für alle Lebenslagen
Besonders angetan ist Diggelmann von den Wohnjokern: kleinen Wohneinheiten, die für sechs Monate bis maximal vier Jahre zugemietet werden können. So lässt sich die Wohnsituation vor­übergehend erweitern – etwa für Jugendliche auf dem Weg in die Selbstständigkeit, nach einer Trennung oder für Grosseltern, die nahe bei der Familie und trotzdem eigenständig wohnen möchten.

Auch die grossen Wohngemeinschaften mit bis zu 20 Personen haben Diggelmann positiv überrascht. Kinder, Studierende und ältere Menschen leben dort teilweise gemeinsam in einem Verbund – ohne dass die Genossenschaft diese soziale Mischung vorgibt. «Die funktionieren wirklich gut. Besonders schön finde ich, wie heterogen sie zusammengesetzt sind. Und das, ohne dass wir Vorgaben machen. Diese Gemeinschaften erneuern sich immer wieder selbst.»

Möglichkeiten statt Perfektion
Nach all den Experimenten lässt sich für Diggelmann kaum sagen, welche Wohnform die «richtige» ist. Zu unterschiedlich sind die Menschen, Bedürfnisse und Voraussetzungen. «Man kann diese Dinge nicht per Copy-Paste irgendwo anders hinstellen.» Entscheidend seien vielmehr der Kontext und die Offenheit, unterschiedliche Entwicklungen zuzulassen.

Das gilt auch für die Architektur. «Man kann Möglichkeitsräume schaffen», erklärt Diggelmann. Begegnung und Nachbarschaft liessen sich begünstigen, aber nicht bis ins Detail planen. «Ob ein Cluster, eine Gross-WG oder ein Gemeinschaftsraum tatsächlich funktioniert, hängt am Schluss von den Menschen ab, die darin leben.»  

Gerade deshalb spricht die Erfahrung der Kalkbreite nicht gegen das Experimentieren. Im Gegenteil – sie zeigt vielmehr, was es dafür braucht: Räume, die unterschiedliche Nutzungen zulassen, klare Verantwortlichkeiten und einen Plan B, wenn sich Bedürfnisse verändern. Neues Wohnen entsteht nicht dadurch, für jede Lebensform die perfekte Lösung zu bauen. Sondern indem man Möglichkeiten schafft – und genügend Offenheit lässt, damit die Menschen ihre eigenen Lösungen darin finden können.

Hallenwohnen braucht auch bauliches Know-how.