Wenn das Experiment Expertise braucht
Aufwendiger wird es dort, wo eine Wohnform spezielles Fachwissen voraussetzt. Diggelmann nennt dafür zwei Beispiele: den Grosshaushalt und das Hallenwohnen. Beim Grosshaushalt sind mehrere Wohnungen zu einem Verbund zusammengeschlossen. Beim Hallenwohnen wiederum übernehmen die Bewohnenden grosse, weitgehend rohe Hallen und gestalten ihren Wohnraum innerhalb dieser selbst.
Beim Grosshaushalt mit seiner von Bewohnenden geführten Gastroküche braucht es laut Diggelmann betriebswirtschaftliches Know-how, beim Hallenwohnen bauliches. Unterschätzt worden sei, wie viel Expertise nötig ist, damit diese individuellen Ausbauten bewilligungsfähig werden. «Es ist extrem spannend zu sehen, was die Bewohnenden daraus gemacht haben – aber es ist und bleibt eher ein Experiment als ein Modell, das zum Standard werden könnte.»
Wohnjoker für alle Lebenslagen
Besonders angetan ist Diggelmann von den Wohnjokern: kleinen Wohneinheiten, die für sechs Monate bis maximal vier Jahre zugemietet werden können. So lässt sich die Wohnsituation vorübergehend erweitern – etwa für Jugendliche auf dem Weg in die Selbstständigkeit, nach einer Trennung oder für Grosseltern, die nahe bei der Familie und trotzdem eigenständig wohnen möchten.
Auch die grossen Wohngemeinschaften mit bis zu 20 Personen haben Diggelmann positiv überrascht. Kinder, Studierende und ältere Menschen leben dort teilweise gemeinsam in einem Verbund – ohne dass die Genossenschaft diese soziale Mischung vorgibt. «Die funktionieren wirklich gut. Besonders schön finde ich, wie heterogen sie zusammengesetzt sind. Und das, ohne dass wir Vorgaben machen. Diese Gemeinschaften erneuern sich immer wieder selbst.»
Möglichkeiten statt Perfektion
Nach all den Experimenten lässt sich für Diggelmann kaum sagen, welche Wohnform die «richtige» ist. Zu unterschiedlich sind die Menschen, Bedürfnisse und Voraussetzungen. «Man kann diese Dinge nicht per Copy-Paste irgendwo anders hinstellen.» Entscheidend seien vielmehr der Kontext und die Offenheit, unterschiedliche Entwicklungen zuzulassen.
Das gilt auch für die Architektur. «Man kann Möglichkeitsräume schaffen», erklärt Diggelmann. Begegnung und Nachbarschaft liessen sich begünstigen, aber nicht bis ins Detail planen. «Ob ein Cluster, eine Gross-WG oder ein Gemeinschaftsraum tatsächlich funktioniert, hängt am Schluss von den Menschen ab, die darin leben.»
Gerade deshalb spricht die Erfahrung der Kalkbreite nicht gegen das Experimentieren. Im Gegenteil – sie zeigt vielmehr, was es dafür braucht: Räume, die unterschiedliche Nutzungen zulassen, klare Verantwortlichkeiten und einen Plan B, wenn sich Bedürfnisse verändern. Neues Wohnen entsteht nicht dadurch, für jede Lebensform die perfekte Lösung zu bauen. Sondern indem man Möglichkeiten schafft – und genügend Offenheit lässt, damit die Menschen ihre eigenen Lösungen darin finden können.