Anfang Herbst sieht der Nutzgarten im Obermaihof noch erstaunlich grün aus: Randen, Rosenkohl und Karotten sind bald reif für die Ernte, der Nüsslisalat gedeiht an der Oberfläche und die Kartoffeln wachsen noch im Boden. In der Kräuterschnecke nebenan hat es rund zwei Dutzend verschiedene Arten von Grün, die jedem Gericht einen eigenen Geschmack geben: Dill, Melisse, Salbei, Majoran, Kerbel und vieles mehr. Die zweijährige Jorina stapft sogleich mit Gummistiefeln und Harke ausgerüstet zum Beet, begutachtet die Blätter und zupft am einen oder anderen Kraut. «Das Gemüse aus dem eigenen Garten schmeckt uns und den Kindern eindeutig am besten», sagt ihr Vater, Benedikt Hassler. Es ist wie mit einer speziellen Reise, auf die man jahrelang hingearbeitet hat und sie dann endlich antreten darf. Man schätzt sie viel mehr, als wenn man heute bucht und morgen losfährt.
Die Launen der Natur erdulden
Für Benedikt Hassler und Barbara Zihlmann mit Jorina und Baby Paulin war der letzte Sommer in vieler Hinsicht bereichernd. «Der Garten hat uns vor Augen geführt, wie viel wir vier überhaupt essen», sagt Barbara Zihlmann, «aber auch, wie viel auf einem kleinen Feld von zwei Quadratmetern tatsächlich wächst!» Sie hatten massenhaft Zucchetti, dazu scharfe Radieschen, frischen Rucola, Krautstiel, Fenchel und ein kleines bisschen vertrockneten Brokkoli. Auch das gehört zum eigenen Garten: Sich den Launen der Natur unterwerfen; von ihr lernen; kochen, was sie hergibt. «Beeindruckt hat uns der Hagel und wie das kleine Bächlein einmal übergelaufen ist», erzählen die beiden. Plötzlich hätten sie ganz direkt erlebt, wie verletzlich die Landwirtschaft ist, und wie schnell die eigene Arbeit einfach über Nacht zunichte gemacht werden kann. Die Wertschätzung für Lebensmittel und das Verständnis für all jene, die unsere Versorgung sicherstellen, sei bei ihnen sicher noch einmal gewachsen in diesem Sommer.
Sechs Parteien im Garten
Die Familie Zihlmann-Hassler ist vor rund einem Jahr in die Siedlung gezogen. Als die Anregung von der abl kam, man könne am Rande des Grundstücks einen Nutzgarten anlegen, stiess das bei der Familie sofort auf offene Ohren. Barbara und Benedikt sind mit Gärten aufgewachsen und wollten die Gelegenheit nutzen, die verblichenen Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Spontan haben sie entschieden, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen. Das Ergebnis ist eine Gruppe aus sechs Parteien, die Beete innerhalb des gleichen Gartens bewirtschaften. Platz hätte es insgesamt für acht.
Nach dem Initialaufwand brauchte es keinen permanenten Austausch mehr. Gerade an heissen Sommerabenden traf man sich aber oft zufällig unten im Garten. So zusammen zu giessen und gärtnern, machte Freude. Und auch eine Ferienablösung haben Benedikt, Barbara und die Kids bereits hinter sich. Der Vater schmunzelt in Erinnerung an die knackigen Gurken: «Da es während der Sommerferien war, durften wir vor allem ernten.»