Sie waren im Vorstand verantwortlich für «Recht und Compliance». Was bedeutet eigentlich «Compliance»?
Bruno Roelli: In erster Linie die Einhaltung der rechtlichen Vorschriften bei sämtlichen Tätigkeiten von Unternehmen. Aber auch ethische Aspekte gehören dazu: keine dunklen Geschäfte, keine Vetternwirtschaft sowie die Beachtung der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung – und das nicht nur auf das Geschlecht bezogen. Es geht letztlich um die Integrität des Unternehmens und das damit verbundene Bild nach aussen.
Was ist «Compliance» bei der abl?
Sie ist wohl am wichtigsten bei Vergaben, die mit Bauvorhaben zusammenhängen. Die abl ist ein sehr grosser Player auf dem Platz Luzern. Mit ihren Investitionen in Millionenhöhe kann sie viel bewirken und viel Einfluss nehmen. Zentral ist für mich in diesem Zusammenhang, dass sich kein Mitglied des Vorstands oder der Geschäftsleitung in irgendeiner Weise persönlich bereichern kann; egal, ob mit Geld- oder Sachleistungen. Und da habe ich bei der abl als ehemaliger Richter ein sehr gutes Gefühl.
Welche Diskussion, welches Geschäft im Vorstand hat Sie am meisten Nerven gekostet?
Mit Abstand die Statutenrevision. Im Vorstand konnten wir indessen mit guten Diskussionen eine gemeinsame Basis und Ausrichtung finden. Für mich schwierig waren Mitglieder mit Anfeindungen, Misstrauensvoten und wahrscheinlich eigenen persönlichen Interessen, die Statutenrevision in ihrem Sinn zu beeinflussen. Dabei zeigten sie teilweise wenig rechtliches Verständnis. Mir kommen Begriffe wie «kleinkariert» und «ideologisch» in den Sinn.
Welche Diskussion, welches Geschäft im Vorstand hat Sie vor lauter Freude singen lassen?
Jedes gelungene Bauvorhaben, mit dem genossenschaftlicher Wohnraum geschaffen werden konnte.
Wobei kam Ihr Fachwissen als Jurist bei der abl besonders zum Tragen?
In erster Linie im Genossenschaftsrecht und damit verbunden bei statuarischen Fragen. Hie und da konnte ich auch aus meinem Berufsfundus als Familien- und Strafrechtler profitieren. Als Jurist kann man aber nicht alles wissen. Im Freundeskreis konnte ich mich bei anderen Fragen inspirieren und beraten lassen.
Woher kommt Ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit?
Eine schwierige Frage. Ich weiss nicht einmal, ob ich einen solchen ausgeprägten Sinn habe... Gerechtigkeit ist ein hohes, ja göttliches Ziel. Mit diesem Begriff wird viel Unfug betrieben. In meiner langen Richtertätigkeit war für mich das «Befrieden» das realistische Ziel: einen endlosen Streit zu einem Ende zu bringen, bei dem sich beide Seiten auf ihre je subjektive Gerechtigkeit berufen haben – mit dem Ergebnis, Leid und Schmerzen zu verursachen. Dies nicht zuletzt – und das sage ich als Familienrechtler – auf Kosten der Kinder.
Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf, wenn es um bezahlbaren Wohnraum in der Stadt Luzern geht?
Einschränkung und Bescheidenheit. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, die nicht nur natürliche Ressourcen der Erde verbraucht, sondern auch immer mehr Wohnraum. Das Thema Unterbelegung beschäftigte mich in den letzten Jahren sehr. Die von meinem Vater als Witwer allein bewohnte grosse 4-Zimmer-Wohnung in bester Lage kann ich nach seinem Tod einer fünfköpfigen ukrainischen Familie sehr günstig vermieten. Ein gutes Gefühl.
Sie sind jetzt 70-jährig und geben Ihr Vorstandsmandat ab. Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Die Menschen der abl: jene auf der Geschäftsstelle, in der Geschäftsleitung und im Vorstand.
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?
(augenzwinkernd) Keine Totalrevision der Statuten mehr! Im Ernst: gutes Teamwork, das Einbringen der persönlichen Fachkompetenzen und das Engagement zugunsten des ureigenen Anliegens der abl: sicheren und günstigen Wohnraum zu erstellen und zu erhalten.