Gemeinsam mit Maria Polti betreten wir den Vicino-Treffpunkt im Himmelrich. Eine kleine Gruppe sitzt bei Kaffee und Gebäck um einen langgezogenen Holztisch. Während Maria Polti herzlich begrüsst wird, erntet ihr journalistischer Anhang – Schreiber und Fotograf – ein paar neugierige Blicke. Mit einem schnellen Spruch macht die 72-jährige der Runde klar, dass die beiden heute zu ihr gehören. Maria Polti kennt man hier. Und man freut sich, wenn sie kommt.
Ihre Wohnung liegt gleich im Gebäude gegenüber dem Vicino, und so trifft man Maria Polti zwei- bis dreimal pro Woche hier an, oft auch als Gastgeberin. Dann macht sie Kaffee, bringt etwas Süsses mit oder räumt auf. Ausserdem hilft sie beim monatlichen Frühstück und bei den Apéros des Treffpunktes mit. Im Rahmen des Integrationsprojektes «Hello Welcome» unterstützt sie in den Räumlichkeiten nebenan zudem Menschen beim Deutschlernen. Wie viel ihr der Treff im Vicino bedeutet, bringt sie selbst mit wenigen Worten auf den Punkt: «Dieser Ort war meine Rettung.»
Das Ende eines gemeinsamen Lebens
40 Jahre lang lebte die gebürtige Thunerin mit ihrem Ehemann in Adligenswil. Gemeinsam hatten sie sich dort ein Leben und eine kleine Familie aufgebaut. Als ihr Partner vor einigen Jahren schwer erkrankte, veränderte sich auch Marias Alltag. Neben ihrer Arbeit in einem Treuhandbüro übernahm sie einen Teil der Pflege ihres Mannes. «Es war oftmals gar nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bringen», sagt sie rückblickend. Auch das soziale Umfeld wurde während dieser Zeit kleiner.
2018 starb ihr Mann. Für Maria Polti begann damit ein völlig neuer Lebensabschnitt. Die Terrassenwohnung ist für sie alleine zu gross, und so zieht sie zwischenzeitlich zu ihrem Sohn nach Root. Dort wird ihr jedoch zunehmend klar, dass sie etwas Eigenes braucht. «In einem Zeitungsartikel las ich dann vom Himmelrich und der Idee, dass hier mehrere Generationen zusammenleben und es so eine kleine Stadt in der Stadt ist – das hat mich neugierig gemacht.»
Schwerer Neustart
Vor drei Jahren wagt Maria Polti den Schritt und zieht ins Himmelrich 3. Die Trauer um ihren Mann begleitet sie weiterhin, dennoch will sie hier einen persönlichen Neustart wagen. Doch die erste Zeit ist schwierig. «Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich alleine gewohnt – ich war das Alleinsein und die Einsamkeit nicht gewohnt.» Auch der Gleislärm auf der Seite ihres Balkons macht ihr zunächst zu schaffen. Sie fragt sich, ob sie sich je daran gewöhnen wird.
Hinzu kommen gesundheitliche Probleme. Maria Polti erkrankt schwer und muss sich einer Operation unterziehen. Gerade in dieser Situation wird ihr schmerzlich bewusst, dass ihr Mann nicht mehr an ihrer Seite ist. «Wenn du plötzlich alleine ins Spital musst, das ist nicht einfach auszuhalten», erinnert sie sich. Die vielen Veränderungen und Belastungen werfen sie zurück. «Mir ist es gar nicht gut gegangen, deshalb habe ich mich praktisch komplett zurückgezogen.» Während rund sieben Wochen verlässt sie ihre Wohnung, in der sie sich nicht wirklich zu Hause fühlt, nicht mehr.
Entscheidender Schritt vor die Türe
Und dann kam dieser sonnige Sonntag. Irgendwoher schöpft Maria etwas Kraft und öffnet die Haustür. «Ich sagte mir: Du gehst jetzt mal raus und läufst mindestens einmal ums Quartier.» Doch weit kommt sie nicht. Vor einem Lokal gegenüber entdeckt sie einige Leute, die draussen zusammensitzen.» Auf dem Schild steht «Vicino». «Ich habe dann einfach gefragt, was das hier sein soll. Sie haben es mir erklärt und gefragt, ob ich eine Tasse Kaffee möchte. So hat das angefangen.»
Wenn Maria von ihrem Weg zum Vicino und dem neuen Leben im Quartier erzählt, sind ihr die Emotionen anzuhören. Sie spricht offen über die schwierige Zeit, aber auch über die Freude und Erleichterung, hier ein neues soziales Umfeld gefunden zu haben. «Gesundheitlich geht es mir besser und ich habe sogar die Kraft gefunden, mit meinen alten Freundinnen wieder Kontakt aufzunehmen», berichtet sie.
Auch Ihre eigene Wohnung sieht sie mittelweile in einem anderen Licht – und das nicht nur, weil sie den Schienenlärm mittlerweile gut ausblenden kann. «Ich komme heute immer wieder gerne in meine Wohnung. Auch weil ich weiss: Wenn ich mich mal einsam fühle, gibt es immer diesen Ort, wo ich ein offenes Ohr und Gemeinschaft finde.»