Seit über 60 Jahren ist das Himmelrich Gilbert Schaffners Zuhause.
Seine Wohnung hat sich in dieser Zeit weit weniger verändert als er selbst. Sie erzählt von Familie, Fürsorge und den Dingen, die ein Leben überdauern.

Gilbert Schaffner ist ein auffälliger Mensch – äusserlich und innerlich.

Ein «Stadtoriginal» zu sein, ist nicht nur ein Kompliment. Im Begriff liegen Bewunderung und Belächeln, Faszination und Befremden oft nahe beieinander. Ein unübersehbares Original ist Gilbert Schaffner aber auf jeden Fall. Seit Jahrzehnten verändert er seinen Körper – und damit auch, wie andere ihn sehen und auf ihn reagieren.  

Seit über 60 Jahren ist er ein fester Bestandteil des Himmelrich-Quartiers. Wer Zeit mit ihm verbringt, gelangt schnell zur Erkenntnis, dass Schaffner ein Mann voller faszinierender Gegensätze ist. Und nirgends drückt sich dies so augenscheinlich aus wie in seiner Wohnung in der Himmelrich-2-Siedlung.  

Zeitreise im Wohnzimmer
Wer hinter Schaffners Wohnungstür eine Fortsetzung seines extra­vaganten Äusseren erwartet, wird überrascht. Wir treffen ihn in seinem Wohnzimmer, das wirkt wie aus einer anderen Zeit. Ein grosser, dicht gemusterter Teppich bedeckt beinahe den ganzen Boden. Darauf stehen schwere Polstersessel, Holzstühle und ein Esstisch mit ockerfarbener Decke. An der einen Wand hängt ein Blumenstillleben im Goldrahmen, an der anderen das Familien­wappen, und von der Decke hängt ein kleiner Messinglüster. Ein mächtiges dunkles Buffet ist mit Zierfiguren und anderen Erinnerungsstücken bestückt, vor dem Fenster hängen schwere braune Vorhänge.  

Und mittendrin steht Gilbert Schaffner. Langes weisses Haar und ein weisser Bart umrahmen sein vollständig schwarz tätowiertes Gesicht. Auch das Weiss seiner Augen ist schwarz eingefärbt; umso stärker stechen die weissen Piercings hervor. Arme und Beine sind ebenfalls dicht tätowiert. «Ich warne meine Gäste immer, dass sie hier in die 1950er-Jahre zurückkehren», sagt der 72-Jährige mit dem für ihn typischen zurückhaltenden Lächeln. Und tatsächlich endet die Zeitreise nicht im Wohnzimmer. In Schaffners 3.5-Zimmer-Wohnung begegnet man auf Schritt und Tritt Zeugnissen früherer Zeiten: alten Möbeln und Geschirr, Leintüchern und Bettwäsche mit eingestickten Monogrammen, gerahmten Stichen und kleinen Kostbarkeiten aus längst vergangenen Jahrzehnten. Manche Stücke stammen aus dem späten 19. Jahrhundert.

Verbindung zur eigenen Geschichte
Zusammengetragen hat Schaffner all diese Dinge nicht. Sie stammen von Eltern und Grosseltern, von Onkeln, Grosstanten und weiteren Verwandten. An vielen hängt eine Familiengeschichte, manche begleiten ihn, seit er denken kann.

So sehr sich Schaffner selbst über die Jahrzehnte verändert hat, so beständig hat er die Dinge um sich herum bewahrt. Seine Wohnung ist damit auch eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit. Zu einem Leben an diesem Ort, das 1965 begann, als er als Elfjähriger mit seinen Eltern hier einzog. Mehr als 60 Jahre lebt er nun im selben Gebäude. Warum er geblieben ist und all diese Dinge bis heute behalten hat? Gilbert Schaffner macht daraus keine grosse Sache. «Ich bin so aufgewachsen, es ist mein Ding.»

Ein Zeitzeugnis der 1950er-Jahre: Gilbert Schaffners Wohnzimmer.

Früh viel Verantwortung 
Dabei sah es zunächst durchaus danach aus, als würde sein Weg ihn vom Himmelrich wegführen. Für seine Lehre zum Chemie­laboranten zog er als Wochenaufenthalter nach Winterthur. Nach dem Lehrabschluss 1974 kehrte er zurück – und übernahm schon bald Verantwortung, auf die er in seinem jungen Alter kaum vorbereitet sein konnte. Die Multiple Sklerose seines Vaters schritt zunehmend voran. «Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Zustand meines Vaters stark verschlechtert», erinnert er sich. Der Vater war zunehmend auf den Rollstuhl angewiesen. Für den jungen Schaffner hiess das beispielsweise, seinen Vater über Jahre im Rollstuhl fünf Stockwerke hinauf- und hinunterzubringen – einen Lift gab es damals noch nicht.

Erleichterung brachte schliesslich ein Nachbar. «Als er aus seiner Wohnung im Erdgeschoss auszog, ging er von sich aus zur Verwaltung und fragte, ob die Familie Schaffner nicht die Wohnung tauschen könne», sagt er, und es klingt auch jetzt noch Dankbarkeit für diese Geste in seiner Stimme nach. Und so zog die Familie in jene Wohnung, in der Schaffner bis heute lebt. Selbst das damalige Pflegebett seines Vaters steht noch in der Wohnung. Heute schläft Schaffner selbst darin.  

Nutzen und pflegen 
Die Menschen, mit denen Schaffner all diese Gegenstände in seiner Wohnung verbindet, sind inzwischen nicht mehr da. Sein Vater starb Anfang der 2000er-Jahre. Danach wurde die ­Betreuung seiner Mutter zur nächsten grossen Aufgabe in seinem Leben. Sie litt an Demenz und hatte vor allem einen Wunsch: nicht ins Heim zu müssen. Schaffner richtete die Wohnung darauf ein und pflegte sie zehn Jahre zu Hause, bis sie 2011 im Alter von 94 Jahren verstarb.

Heute ist Schaffner, wie er selbst sagt, «der Letzte von der Familie». Geschwister oder eigene Nachkommen hat er keine. Dass er die Dinge auch deshalb bewahrt, will er selbst nicht überhöhen. Seine Erklärung ist pragmatischer: «Wieso soll ich Geld ausgeben, wenn man die Sachen noch brauchen kann?» Und so werden Goldrandgeschirr und Silberbesteck bis heute benutzt – und sorgsam gepflegt.

Helfen als Selbstverständlichkeit
Das Leben in dieser Wohnung hat Schaffner viel abverlangt. Reisen und Ferien waren für den jungen Mann kaum möglich. «Eine Zeit lang habe ich das bedauert. Heute blicke ich anders darauf zurück.» Im Umgang mit Behörden, Krankenkassen und Sozialversicherungen habe er sich einen «riesigen Erfahrungsschatz» angeeignet. Bis heute steht Schaffner zahlreichen Menschen mit Rat und Tat zur Seite, hilft bei Ergänzungsleistungen und Krankenkassenabrechnungen oder erledigt für kleine Geschäfte Buchhaltungen und Lohnabrechnungen.  

Für Schaffner scheint das Helfen weniger aussergewöhnliches Engagement als vielmehr selbstverständlich zu sein. «Ich selber bin nicht wichtig. Wichtig ist, dass das, was ich für die Leute tue, ihnen hilft.» So bewahrt diese Wohnung nicht nur Schaffners Vergangenheit. Sie trägt auch etwas von seiner Haltung in sich: Sorge tragen, erhalten, weiterverwenden – und sich kümmern um das, was einem anvertraut wurde.