Früh viel Verantwortung
Dabei sah es zunächst durchaus danach aus, als würde sein Weg ihn vom Himmelrich wegführen. Für seine Lehre zum Chemielaboranten zog er als Wochenaufenthalter nach Winterthur. Nach dem Lehrabschluss 1974 kehrte er zurück – und übernahm schon bald Verantwortung, auf die er in seinem jungen Alter kaum vorbereitet sein konnte. Die Multiple Sklerose seines Vaters schritt zunehmend voran. «Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Zustand meines Vaters stark verschlechtert», erinnert er sich. Der Vater war zunehmend auf den Rollstuhl angewiesen. Für den jungen Schaffner hiess das beispielsweise, seinen Vater über Jahre im Rollstuhl fünf Stockwerke hinauf- und hinunterzubringen – einen Lift gab es damals noch nicht.
Erleichterung brachte schliesslich ein Nachbar. «Als er aus seiner Wohnung im Erdgeschoss auszog, ging er von sich aus zur Verwaltung und fragte, ob die Familie Schaffner nicht die Wohnung tauschen könne», sagt er, und es klingt auch jetzt noch Dankbarkeit für diese Geste in seiner Stimme nach. Und so zog die Familie in jene Wohnung, in der Schaffner bis heute lebt. Selbst das damalige Pflegebett seines Vaters steht noch in der Wohnung. Heute schläft Schaffner selbst darin.
Nutzen und pflegen
Die Menschen, mit denen Schaffner all diese Gegenstände in seiner Wohnung verbindet, sind inzwischen nicht mehr da. Sein Vater starb Anfang der 2000er-Jahre. Danach wurde die Betreuung seiner Mutter zur nächsten grossen Aufgabe in seinem Leben. Sie litt an Demenz und hatte vor allem einen Wunsch: nicht ins Heim zu müssen. Schaffner richtete die Wohnung darauf ein und pflegte sie zehn Jahre zu Hause, bis sie 2011 im Alter von 94 Jahren verstarb.
Heute ist Schaffner, wie er selbst sagt, «der Letzte von der Familie». Geschwister oder eigene Nachkommen hat er keine. Dass er die Dinge auch deshalb bewahrt, will er selbst nicht überhöhen. Seine Erklärung ist pragmatischer: «Wieso soll ich Geld ausgeben, wenn man die Sachen noch brauchen kann?» Und so werden Goldrandgeschirr und Silberbesteck bis heute benutzt – und sorgsam gepflegt.
Helfen als Selbstverständlichkeit
Das Leben in dieser Wohnung hat Schaffner viel abverlangt. Reisen und Ferien waren für den jungen Mann kaum möglich. «Eine Zeit lang habe ich das bedauert. Heute blicke ich anders darauf zurück.» Im Umgang mit Behörden, Krankenkassen und Sozialversicherungen habe er sich einen «riesigen Erfahrungsschatz» angeeignet. Bis heute steht Schaffner zahlreichen Menschen mit Rat und Tat zur Seite, hilft bei Ergänzungsleistungen und Krankenkassenabrechnungen oder erledigt für kleine Geschäfte Buchhaltungen und Lohnabrechnungen.
Für Schaffner scheint das Helfen weniger aussergewöhnliches Engagement als vielmehr selbstverständlich zu sein. «Ich selber bin nicht wichtig. Wichtig ist, dass das, was ich für die Leute tue, ihnen hilft.» So bewahrt diese Wohnung nicht nur Schaffners Vergangenheit. Sie trägt auch etwas von seiner Haltung in sich: Sorge tragen, erhalten, weiterverwenden – und sich kümmern um das, was einem anvertraut wurde.