Nachhaltigkeit

Was die KVA mit dem Erdüberlastungstag zu tun hat

Die Anlieferhalle der Kehrichtverbrennungsanlage Renergia in Perlen. Die Chauffeure dieser beiden Lastwagen entleeren gerade ihre mit Abfall gefüllten Mulden in den sogenannten Abkippbunker.

Weil unsere Gesellschaft immer mehr Abfall produziert, ist die Kehrichtverbrennungs-anlage Renergia in Perlen nach wenigen Betriebsjahren bereits voll ausgelastet. Immerhin ist die Anlage auch ein Kraftwerk und nutzt die Energie des Abfalls.

Wahrscheinlich ohne grosse Überlegungen stellen wir alle artig unsere Güselsäcke vor die Haustüre oder werfen sie in einen Container. Auch die Abfalltrennung ist mittlerweile für die meisten zur Gewohnheit geworden. Im Kanton Luzern produzierte im letzten Jahr gemäss Angaben von Lustat jeder Einwohner und jede Einwohnerin im Durchschnitt 418 Kilogramm Siedlungsabfall. Dazu gehören Hauskehricht, Papier/Karton, Grüngut und Altglas. Das ist über ein Kilogramm pro Tag.
Der 29. Juli 2021 war der «Earth Overshoot Day», der «Erdüberlastungstag», früher als im vergangenen Jahr. Das heisst, die Menschen haben bereits fünf Monate vor Jahresende alle natürlichen Ressourcen der Erde für dieses Jahr verbraucht. Wenn jeder einen Lebensstil wie die Schweizer pflegen würde, bräuchte die Menschheit jedes Jahr rund drei Planeten, um den Bedarf zu decken, wie der WWF in einer Medienmitteilung schreibt. Das spüren auch die Verantwortlichen der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Renergia in Perlen, wie Betriebsleiter Gregor Jung sagt. Auch wenn die Schweiz beim Recyceln zu den weltweit führenden Nationen gehört, wird stetig mehr Abfall produziert, vor allem in Industrie, Gewerbe und Bau. Die KVA Renergia, die seit 2015 in Betrieb ist, stösst denn auch schon an ihre Kapazitätsgrenzen.

Oben: das imposante KVA-Gebäude. Über einen Steg gelangen Mitarbeiter und Besucherinnen zum Haupteingang. Unten: Dieser Greifer kann bis zu sechs Tonnen Abfall aufs Mal krallen, um ihn korrekt zu verteilen und für den Verbrennungsofen vorzubereiten.

Bei 1 000 Grad zu Schlacke gemacht
Der Rundgang durch die KVA bei Root – eingebettet zwischen Reuss und Rontal – ist in vielerlei Hinsicht eindrücklich. Da ist etwa das imposante Gebäude, das mit seiner Architektur je nach Betrachterin oder Betrachter unterschiedliche Assoziationen auslösen dürfte: ein 200 Meter langer und 50 Meter hoher gerippter Monolith aus Beton und Metall.
Die Anlieferhalle mit ihren acht Strassen und den riesigen nummerierten Toren ist bemerkenswert. Im Minutentakt fahren Lastwagen mit ihren Mulden hinein und kippen den Haushaltmüll und Abfälle aus Industrie, Gewerbe und Bau in den sechs Meter tiefen Anlieferbunker. Was genau die Zentralschweizer Abfallverbände und die verschiedenen spezialisierten Firmen in der KVA alles entleeren, werde lediglich stichprobenmässig kontrolliert, sagt Jung. Da gibts hin und wieder böse Überraschungen. So landeten beispielsweise auch schon ein grosser Schiffskiel aus Stahl, Badewannen, Boiler, Sägeblätter und Gasflaschen im Bauch der KVA, was gefährlich ist und Schäden verursachen kann. Und ausserdem dumm ist: Der stählerne Kiel hätte in der Wiederverwertung gutes Geld gebracht. Eine kleine Freiluftausstellung illustriert übrigens solche Abfallsünden effektvoll.
Ist der Müll im KVA-Bauch angelangt, wird er von zwei Kränen auf verschiedene Abteile – sogenannte Abfalltrichter – verteilt, teils automatisiert, teils von Hand. Grössere Teile werden geschreddert. Die beiden imposanten Greifer, die auf den Laufkatzen hin und her gleiten, können sich aufs Mal bis zu sechs Tonnen ­Abfall krallen.
Schliesslich wird der Müll bei ungefähr 1 000 Grad Celsius verbrannt. Übrig bleibt sämtliches nicht brennbare Material, die Schlacke: Asche, Ton- und Glasscherben, Zement aus Bauschutt und Metalle. Letztere werden ausgeschieden und wiederverwertet, der Rest wird einer Reststoffdeponie zugeführt.

Ich bin auch ein Kraftwerk
Immerhin etwas Positives haben die ganzen Müll­berge: Aus ihnen lässt sich Energie zurückgewinnen. Im Dampfkessel wird mit der Hitze des Verbrennungsofens Wasser in Dampf umgewandelt. Der ungefähr 400 Grad Celsius heisse Dampf mit einem ungeheuren Druck von 40 bar wird in eine Dampfturbine geleitet, dort in Strom umgewandelt und ins CKW-Netz eingespeist. Die Restwärme ist willkommen bei der benachbarten Perlen Papier AG, dem grössten Energiekunden von Renergia, und bei der Fernwärme Luzern AG, die dereinst auch die abl-Siedlung an der oberen Bernstrasse versorgen wird. Auf diese Weise werden indirekt fossile Brennstoffe ersetzt, etwa 27 000 Tonnen Heizöl pro Jahr.
Die Renergia-Verantwortlichen legen grossen Wert auf Umweltfreundlichkeit. Dank ausgeklügelter Filtertechnik und optimaler Rauchgasreinigung liegen die Emissionen in Perlen deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten. Ebenso ist die Rener­gia in der Vermittlungsarbeit aktiv – einerseits mit ­öffentlichen Führungen im Betrieb, andererseits mit Beratungen für Fachleute und Behörden. So war Geschäftsleiter Ruedi Kummer unlängst in Dar es Salaam in Tansania, um das Wissen in Sachen Abfallmanagement weiterzugeben.
Trotz modernster Anlage, trotz Wiederverwertung, trotz zunehmender Sensibilisierung: Der Abfallberg wächst weiter. Selbst die beste Entsorgung löst das zentrale Problem des zu hohen und weiterhin steigenden Ressourcenverbrauchs nicht. Renergia-Betriebsleiter Jung formuliert es lakonisch so: «Nur weniger Konsum heisst weniger Abfall.»

Das ist Renergia
Die KVA Renergia in Perlen wurde 2015 in Betrieb genommen. Für die Architektur dieses markanten Gebäudes zeichnen die Luzerner Deon-Architekten verantwortlich. Zur Trägerschaft gehören acht Abfallverbände der Zentralschweizer Kantone und die benachbarte Perlen Papier AG. Mit Abstand grösster Aktionär ist «real» der Region Luzern. Die KVA Renergia ist der Ersatz für jene im Ibach, die 1971 eröffnet und 2021/21 rückgebaut ­worden war. Im Jahr 2020 verbrannte Renergia exakt 272 162 Tonnen Abfall, das sind fast 16 000 Tonnen mehr als 2019. 

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