Genossenschaftskultur
Auf zwei Rädern durch die Welt
Im Wohnzimmer hängt ein Gravelbike, und wenn er nicht gerade auf dem Velo oder beruflich unterwegs ist, lebt Christian Bernhard an der Weinberglistrasse 29. Ein Einblick in die Abenteuer eines leidenschaftlichen Velofahrers.

«Meine Wohnung gefällt mir mega gut, die Aussicht ist super und der Kontakt im Haus entspannt und unkompliziert», erklärt Christian gleich zu Beginn und ergänzt: «Ich mag Menschen und bin gleichzeitig auch gerne unabhängig. Das passt hier perfekt.» Wenn Christian seine Nachbar*innen trifft, plaudern sie und sie helfen sich auch gegenseitig aus, wenn jemand etwas braucht. Besonders ans Herz gewachsen ist Christian die ältere Frau, die über ihm wohnt. «Sie ist super zwäg und aufgestellt. Wenn ich sie länger nicht höre oder sehe, erkundige ich mich nach ihr. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich wirklich besorgt war, weil ich kein Lebenszeichen von ihr vernahm. Aber dann stand sie plötzlich vor der Tür und erzählte freudig von ihrem Ausgang in Zürich.»
Sport als Lebenselixier
So sehr Christian sein Zuhause und die Nachbarschaft schätzt, einen ganzen Sonntag zu Hause bleiben ist weniger sein Ding: «Ich muss nach draussen und mich bewegen. Das tut mir einfach gut.» Auch beruflich ist Christian in Bewegung. Im Aussendienst für eine Sportbekleidungsfirma tätig, berät er Sportgeschäfte in der ganzen Deutschschweiz, und als leidenschaftlicher Velofahrer kennt er die Artikel, die er ihnen verkauft, bestens.
Schon als Kind begleitete Christian die Freude am Sport: Schwimmen, Skateboarden, Klettern, Downhill... – also polysportive Interessen, die ihn auch für die Teilnahme am Swissman Triathlon motivierten. «Von der Insel Brissago nach Ascona schwimmen, von dort mit dem Velo über Gotthard, Furka und Grimselpass nach Brienz und dann mit den Laufschuhen dem Brienzersee entlang nach Wilderswil und auf die kleine Scheidegg rennen.» Christian lacht bei dieser Erzählung und es ist spürbar, dass es nicht ein Podestplatz ist, der ihn zu solch extremen körperlichen Herausforderungen antreibt. «Es macht mir einfach Spass und es kommt von Herzen, das ist das Wichtigste für mich», erklärt Christian und ergänzt dennoch: «Klar möchte ich möglichst gut sein und meine Grenzen ausweiten, aber ich weiss auch, wo ich mich einordnen kann.»
Velofahren zum Geniessen
Christian ist auch Alltagsvelofahrer. «In die Stadt bin ich mit dem Velo unterwegs und Velotouren in der Umgebung oder durch den Jura sind für mich eine Freude ohne Wettkampfgefühle. Die Natur, frische Luft, Bewegung, den Kopf abschalten. Das geniesse ich.» Auch Veloreisen durch ferne Länder begeistern Christian: «Vor einem Jahr war ich im Oman bikepacken. Es war fantastisch! Die Landschaften, tolle Strassen fast ohne Verkehr und die Menschen mit so viel Freundlichkeit, Respekt und Anstand, wie ich es nie zuvor erlebt habe.» Und just nach dieser Veloreise entdeckte Christian die Ausschreibung für das «Trans Pyrenees Race», ein Velorennen von San Sebastian am Atlantik durch die spanischen Pyrenäen ans Mittelmeer und zurück durch die französischen Pyrenäen wieder nach San Sebastian. «Das hat mich einfach angesprungen und prompt erhielt ich nach einem aufwendigen Bewerbungsverfahren und vielen Testfragen einen Startplatz. Da wusste ich, es gilt ernst.»
Entspannt dank sorgfältiger Vorbereitung
Mit ‹ernst› meint Christian eine sorgfältige Vorbereitung über mehrere Monate. «Wenn ich mich für ein Rennen entscheide, dann ziehe ich es durch: Ich rufe meinen Trainer an, der mir einen Trainingsplan erstellt. Das bedeutet rund 14 Stunden Training pro Woche; Velotouren in der Umgebung, Intervall-Einheiten auf dem Trainer zu Hause und am Ruhetag Beine bewegen auf der Rolle. Mit dieser Vorbereitung gehe ich jeweils völlig entspannt an den Start.» Da Christian wusste, dass das Wetter in den Pyrenäen rau sein kann und im Oktober viele Restaurants und Hotels geschlossen sein würden, probte er auch diese Herausforderung: «An einem Wochenende pedalte ich auf die Melchsee-Frutt, schlief vier Stunden im Schlafsack unter freiem Himmel, buckelte dann das Velo über den Berg nach Engelberg und fuhr von dort im strömenden Regen zurück nach Hause.»
Improvisation und unvergessliche Erlebnisse
So startete Christian gut vorbereitet in sein Pyrenäen-Abenteuer. «Ich fuhr bis zu 18 Stunden pro Tag durch die Berge. Wenn ich kein Hotel fand, rollte ich meinen Schlafsack aus und bog bei Bedarf von der Route ab, um unten im Tal Verpflegung einzukaufen. So kam es vor, dass ich mit einer Tüte Pommes im Flaschenhalter einige hundert Höhenmeter wieder hochfuhr, um meine Route fortzusetzen.» Auch Entscheidungen gab es unterwegs zu treffen, wie zum Beispiel vor einem Tunnel, den man mit dem Velo nicht durchfahren durfte. «Als Schweizer habe ich mich anstelle der grossräumigen Umfahrung fürs Wandern über den Berg entschieden. Das kann ich ja gut», lacht Christian. Gab es denn auch Momente, in denen er an seine Grenzen stiess? «Ja, die Stunde vor der Morgendämmerung war immer am schwierigsten; noch dunkel und sehr kalt. Als dann auch noch schmerzhafte Druckstellen am Hintern dazukamen und ich von einem anderen Teilnehmer überholt wurde, begann bei mir eine Art Negativspirale. Ich musste unterbrechen und machte Halt bei einer Kirche, wo ich auf einem Bänkli schlief, bis es hell wurde. Dann war die Welt wieder in Ordnung.» Immer wieder lacht Christian bei seinen Erzählungen, die verdeutlichen, dass er solche Herausforderungen pragmatisch angeht und sein Ziel, Spass zu haben, nicht aus den Augen verliert: «Es geht doch einfach darum, etwas zu erleben. Und mit dem Velo kann man sehr viel erleben; sehr schöne und weniger schöne Sachen, manchmal leiden und Schwieriges überwinden, um dann den Triumph zu geniessen.» So genoss er auch den Moment, als er in der Abenddämmerung den riesigen Vollmond am zartrosa Himmel über dem Mittelmeer erblickte. Er hatte die Hälfte geschafft und genoss es, mit eigener Kraft vom Atlantik ans Mittelmeer gefahren zu sein.
Wohlverdientes Bier in San Sebastian
Nach rund 2000 Kilometern und 40000 Höhenmetern und ohne eine einzige Panne erreichte Christian nach acht Tagen und 16 Stunden San Sebastian. «Der letzte Tag war cool. Ich habe nochmals alles gegeben mit dem Ziel vor Augen, in San Sebastian ein Bier zu trinken.» Von ursprünglich 140 Teilnehmenden schaffte er mit 34 anderen das Rennen und gemeinsam feierten sie ihren Erfolg bei einem ausgiebigen Nachtessen, einem zweiten und dritten Bier. «Danach machte ich keinen einzigen Höhenmeter mehr, sondern ging zu Fuss mein Velo stossend zum Auto und schlüpfte ein letztes Mal in den Schlafsack, um am nächsten Morgen mit dem Auto in 13 Stunden nach Hause zu fahren.»
Vielfalt bei der abl
Seit über einem Jahr dürfen wir an dieser Stelle Mieter*innen vorstellen. Sie geben uns Einblick in ihr Leben, zeigen eine ganz persönliche Seite von sich und geben so der abl ein Gesicht. Wenn Sie auch Spannendes zu erzählen haben oder jemanden kennen, die/den Sie mal porträtiert sehen möchten, dann freuen wir uns, wenn Sie sich unter kommunikation (at) abl.ch melden.






















































































