Genossenschaftskultur

«Luzern ist wie eine zweite Familie für mich»

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die ein Quartier prägen: Streusalz auf Geh­wegen, eine vom Laub befreite Wiese, ein geradegerückter Gartenstuhl. An der Luzerner ­Spannortstrasse gehen solche Gesten oft auf Lello Carestia zurück. Er hat hier Ruhe und neue Aufgaben gefunden.

«Ich mag es, wenn es hier sauber ist», Lello Carestia über das Quadrätli.

An der Spannortstrasse kennt man Lello Carestia – und er kennt sein Quartier. «Sie kennen mich, weil ich halt einfach mit jedem rede», sagt der 85-Jährige und ­lächelt. Doch wer ihn erlebt, merkt schnell: Hinter dieser Offenheit steckt noch viel mehr. Lello ist einer jener Menschen, die ein Quartier lebendig machen. Einer, der hinschaut, mitgestaltet und sein Umfeld mit viel Herz begleitet.

Wir treffen Lello in seiner 3.5-Zimmer-Wohnung im ersten Stock, die er sich mit Sohn Antonio teilt. Zu Besuch ist Tochter Cristina, um beim Übersetzen zu helfen. 44 Jahre lang arbeitete der gebürtige Italiener Vollzeit in einer Druckerei im Bernstrassequartier. «Dort lernte man viel – aber leider nicht viel Schweizerdeutsch.»

Ein treuer FCL-Fan  
Dass sein Deutsch bis heute holprig geblieben ist, hat Lello nicht davon abgehalten, zum Vollblut-Luzerner zu werden. Heute sagt er: «Diese Stadt ist wie eine zweite Familie für mich.» Eine seiner grossen Leidenschaften: der FC Luzern. «Ich bin seit Jahrzehnten bei jedem Spiel auf der Allmend dabei», sagt er – und geht zur Wohnwand, um ein sorgfältig gehütetes Fotoalbum herauszuziehen. Seite für Seite präsentiert er seine darin aufbewahrten FCL-Saisonkarten und weitere alte Tickets; einer dieser unscheinbaren Schätze, die sich über ein Leben hinweg ansammeln.

In solchen Momenten blitzt in seinen Augen Lebensfreude auf. Eine Freude, die er sich, so scheint es, über viele Höhen und Tiefen hinweg bewahrt hat. Auch über den Verlust seiner Frau vor drei Jahren hinaus. Und vielleicht ist es genau diese Lebensfreude, die ihn so stark mit dieser Stadt und diesem Quartier verbindet. Hier findet Lello nicht nur Ruhe, sondern auch Aufgaben, Menschen und Orte, die ihm etwas bedeuten.

Seit über drei Jahrzehnten ist er abl-Mieter. Nach rund 25 Jahren in der Claridenstrasse lebt er nun seit zwölf Jahren in der Spannortstrasse. «Ich schätze die Ruhe hier, aber genauso auch die zentrale Lage. Man ist schnell überall in der Stadt. Das ist mir wichtig», betont er. «Ich mag meine Wohnung, aber ich bin keiner, der nur zu Hause sitzt. Man muss in Bewegung bleiben!» So kann man ihn öfters auch im Vögeligärtli oder an anderen Orten in der Stadt antreffen, wo sich Menschen begegnen.

Was Lello besonders auszeichnet, ist seine Art, Verantwortung zu übernehmen – leise, selbstverständlich, ohne Anspruch auf Anerkennung. Das zeigt sich im Quartier an vielen kleinen Gesten. Als er sah, dass ältere Nachbarinnen im Winter Mühe hatten, über eine vereiste Stelle auf dem Trottoir zu gelangen, stand er danach frühmorgens auf und salzte den Weg. Ebenso kümmerte er sich um vernachlässigte Beete und Hecken und sogar die Kompoststelle verbesserte er.

Der engagierte 85-jährige mit seinen Kindern Antonio und Cristina beim Anschauen eines Fotoalbums.

Er sorgt sich um das «Quadrätli»
Besonders ans Herz gewachsen ist ihm der kleine Park gleich nebenan – das «Quadrätli». Vor rund drei Jahren wurde der quadratische Platz rund um die alte Eiche aus einem langen Dornröschenschlaf erweckt. Anwohner*innen gaben dem Platz damals seinen neuen Namen und werteten ihn mit einem Pingpongtisch, Bänken, bunten Fähnchen und Gartentischchen auf. Heute steckt Carestia viel Herzblut in die Pflege des kleinen Parks. «Ich mag es einfach, wenn es hier sauber ist», begründet er seinen Einsatz. «Ich habe es lieber, wenn tagsüber Kinder hier spielen und am Abend Boccia-­kugeln statt Bierflaschen am Boden liegen.»

Gewünscht ist neues Gartenmobiliar
Und so finden sich auf diesen wenigen Quadratmetern überall kleine Spuren seines Wirkens. Hier ein Nagel unter der Sitzbank, an dem er ein «Schüfeli und Bäseli» griffbereit verstaut hat. Dort eine Abdeckung für den Pingpongtisch, damit dieser im Winter vor der Witterung und im Sommer vor den Harztropfen der Eiche geschützt bleibt. Ein Wunsch wäre es, die in die Jahre gekommene und nicht mehr ganz so bunte Mischung an Gartenstühlen und anderen Sitzgelegenheiten im «Quadrätli» zu erneuern – bei vielen ist der Lack im wahrsten Sinne des Wortes ab. Finanzieren kann er das alleine nicht, aber er hofft, im Frühling Nachbar*innen und andere Bekannte für die Idee gewinnen zu können.

Was früher selbstverständlich war
Dass er stets mitanpackt, ist für Lello nichts Aussergewöhnliches. Er erzählt, dass es früher selbstverständlich gewesen sei, vor der eigenen Haustüre für Ordnung zu sorgen – nicht bloss aus Pflicht, sondern aus Respekt gegenüber den Nachbar*innen. Heute gebe es zwar professionelle Hauswarte, doch für ihn habe sich deswegen nie etwas geändert: «Wer etwas sieht, das gemacht werden muss, der erledigt das.» Diese Haltung prägt ihn bis heute.

Wer Lello Carestia zuhört und zusieht, versteht schnell, weshalb dieser Mann im Quartier so geschätzt wird. Im «Quadrätli» kennt man ihn. Auf der Allmend kennt man ihn. Und in der Spannortstrasse sowieso. Ein Vollblut-Stadtluzerner eben.