In memoriam

Zum Abschied einer starken Frau

Ursula Stämmer an der Luzerner Fasnacht – ein gewohntes Bild. Hier an der Guuggergala im KKL 2010.  

Unsere ehemalige abl-Präsidentin Ursula Stämmer-Horst ist am 21. März 2020, viel zu früh und für viele völlig unerwartet, durch eine Krebserkrankung aus dem Leben gerissen worden. 

Was für ein trauriger Frühlingsanfang für alle, die Ursula Stämmer-Horst als lebensfreudige und starke Persönlichkeit gekannt haben. Sie wird in der Stadt fehlen, im öffentlichen Raum, den sie als Stadtpolitikerin geprägt und mit viel Lebensqualität, ja Lebenslust gefüllt hat. Sie ging auf die Menschen zu, lachte, grüsste, war viel unterwegs auf dem Velo durch die Stadt.

Schwungvoll, offen, unkompliziert 
Ursula Stämmer nicht mehr im Quartier anzutreffen, ist für Vorstandsmitglied Priska Jenni-Jurt, die sie auch als abl-Präsidentin erlebt hat, unvorstellbar. «Ich vermisse sie, ihre schwungvolle Art, fadengrad, souverän und mit unverwechselbarem Humor.» 
Das wird vielen Menschen in Luzern so gehen. Meine letzte Begegnung mit Ursula war an einem Fest, wo sie spontan auf die Bänke stieg und eine Redehielt. So war sie – spontan, offen, etwas laut manchmal, aber einfach unverfälscht sich selbst. Auch Bruno Roelli, ehemaliger Oberrichter und abl-Vorstand, erinnert sich gerne an seine Parteikollegin: «Oft haben wir uns früher unterwegs auf dem Arbeitsweg – zumeist auf dem Velo zwischen Obergericht und Stadthaus –getroffen und uns fröhlich begrüsst. An ihrer Abschiedsfeier aus dem Stadtrat durfte ich im Innenhof des Stadthauses einen kleinen Piano-Beitrag leisten. Ursula hat es mit einer Einladung bei ihr zu Hause ver­dankt. Sie bleibt mir als originell, engagiert, offen, unkompliziert im menschlichen Umgang und gastfreund­lich in liebevoller Erinnerung.»

Für die Menschen unserer Stadt 
Dass Ursula Stämmer kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es um ihr politisches und gesellschaftliches Engagement ging, haben alle erleben können, die mit ihr zu tun hatten. 
«Ursula Stämmer hat mit Leidenschaft und Überzeugung Projekte angepackt, Themen aufgegriffen, Politik gestaltet. Sie war bereit, für ihre Anliegen und Überzeugungen einzutreten und sich zu exponieren. Dabei ging es ihr immer um die Menschen unserer Stadt», sagt etwa abl-Vizepräsident Dominik Durrer als Parteikollege. 
Auch die Wohnraumpolitik lag ihr am Herzen und so engagierte sie sich gerne für die abl, mit der sie eng verbunden war. Ursula Stämmer war seit 2003abl-Vorstandsmitglied, an der Generalversammlung vom22. Mai 2006 wurde sie zur ersten Präsidentin der abl gewählt. Die bekannte SP-Politikerin und Stadträtin wurde Nachfolgerin von Werner Schnieper, der damals als Präsident zurücktrat.

Zum Wohl des Gesamten
Als damalige Stadträtin und Vizestadtpräsidentin war Ursula Stämmer eine vielbeschäftigte Frau, übernahm aber diese zusätzliche Führungsaufgabe mit gewohntem Elan und viel Vertrauen in den engagierten Vorstand und die gut funktionierende Geschäftsstelle. Sieübernahm das Präsidium in einer Aufbruchzeit mit neuen gemeinnützigen Wohnungen in der Tribschenstadt, wo heute viele Familien leben. Für Ursula Stämmer bedeutete das Wohnen in einer Genossenschaft ein Mehr als Wohnen, ein Gewinn für die Gesellschaft. Mit Überzeugung trat sie für die Interessendes gemeinnützigen Wohnungsbaus ein. «Die abl ist ein Projekt des Zusammenlebens. Mit ihren Siedlungen ist sie so etwas wie ein Dorf in der Region, indem Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und Meinungen leben», sagte Ursula Stämmer an ihrer ersten GV als Präsidentin. «Wir sind dem Wohl des Gesamten verpflichtet.» Diese Überzeugung lebte sie und war immer offen für eine kritische Auseinandersetzung, einen offenen Meinungsaustausch und für zukunftsgerichtete Entscheide. Mit ihrer Kommunikationsfreudigkeit war es ein Vergnügen, mit ihr zu arbeiten und Pläne zu schmieden.

Präsidenten erinnern sich
Traurig über den Tod von Ursula Stämmer ist auch Werner Schnieper. Er wird sie als SP-Gefährtin und Kollegin vermissen. Er hatte immer volles Ver trauen in die vielseitigen Fähigkeiten von Ursula Stämmer, die bereits im Stadtrat nach einer schwierigen parteiinternen Ausmarchung seine Nachfolge antrat. «Sie hat das alles gut bewältigt und ihre Kompetenzen unter Beweis gestellt», sagt er. Bedauert hat Werner Schnieper, dass sie das abl-Präsidium bereits nach drei Jahren wieder abgab. Das hatte seinen Grund einer­seits in der zeitlichen Belastung, aber auch in der Sensibilität der Ämterkumulation. So war die Verbindung von Stadtrats-Amt und abl-Präsidentin nicht unproblematisch, insbesondere wenn es um Geschäfte zur Förderung des gemeinnützigen Wohnraums ging. Ursula Stämmer erachtete diesen konsequenten Schritt «für die abl als richtig und notwendig», wie siedamals im Magazin zu ihrem Rücktritt 2009 festhielt. Noch im letzten Herbst hat sie am Untergrund-Talk an der Bernstrasse in der Runde der ehemaligen abl-Präsidenten ihr Feuer für den gemeinnützigen Wohnungsbau gezeigt. 
Ihr Nachfolger im abl-Präsidium, Markus Schmid, hat mit Ursula Stämmer stets gut zusammengearbeitet. Er erinnert sich an die abl-Zeiten mit ihr und die vielen Begegnungen auf dem politischen Parkett, wo sich ihre Wege in der Partei und auf kantonaler und stadtpolitischer Ebene immer kreuzten. «Sie war konfliktfähig, aber auch kompromissbereit», so Schmid, «und auf ihre manchmal burschikose Art sehr kontaktfreudig, konnte aber auch zuhören, über Flügel und über Parteigrenzen hinweg verbinden und andere überzeugen.»

Jodeln und Fliegenfischen
Ruedi Meier denkt als Freund, ehemaliger abl-Präsident und als Kollege in der ehemaligen Stadtratsrunde gern an die Zeiten mit Ursula Stämmer zurück. So in den Anfängen ihrer Stadtratszeiten, wo sie gemein­sam grün-linke Stärke zeigten und vieles möglich war. Er spricht von «Eigen-Stämmer-igkeit», wenn er über ihre Engagements auf allen Ebenen über politische und gesellschaftliche Milieus hinweg erzählt, die Ursula Stämmer auf ihre eigene Art wahrnahm – immer beiden Leuten, bestens vernetzt und manchmal bewusst im Alleingang. «Neben ihrem sozialpolitischen Verständnis und Wirken werden auch ihr Erfolg ‹Energiestadt Luzern› oder ihre Moderationsrolle in den Nutzungsinteressen im öffentlichen Raum nachhaltig in Erinnerung bleiben – auch für die abl», ist Ruedi Meier überzeugt. Die integrative Kraft habe sie einmal mehr als OK-Präsidentin am eidgenössischen Jodlerfest 2008demonstriert.

Ja, das war wirklich speziell: Eine abl-Präsidentin als oberste Jodlerin; in Tracht mit einem Lachen im Gesicht und einem Bad in der Menschenmenge. So war sie – unkonventionell, nicht in eine Schublade passend, rundum interessiert und gerne unter Menschen. Auch war sie gerne zum städtepartnerschaftlichen Austausch bereit, als wir vor Jahren die Potsdamer Genossenschaften in Luzern eingeladen hatten. Und nur manchmal entzog sie sich dem Publikum und ging Fliegenfischen. Und wenn sie davon erzählte, war sie auch ganz Abenteurerin.

Ursula Stämmer wird fehlen – in der Stadt Luzern und ganz vielen Menschen.

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