Genossenschaftskultur

Diese himmelrich'sche Männer-WG wird vor allem am Küchentisch gelebt

Wohngemeinschaften gibt es auch bei der abl – manchmal gut versteckt, manchmal kaum zu übersehen. Diese hier gehört klar zur zweiten Kategorie. Drei Mitbewohner im Himmelrich haben uns ihre Tür geöffnet. 

Seit sieben Jahren wohnen die Jugendfreunde Joel, Flo und Leo zusammen. Bald trennen sich indessen ihre Wege.

Es gibt augenfällige Hinweise darauf, dass wir es hier mit einer Männer-WG zu tun haben. Da wäre beispielsweise das beträchtliche Glasgut-Zwischenlager auf dem Balkon. Sicher auch die definitiv nicht jugendfreie «Kunst», die prominent zwischen zwei Bücherregalen mit «phallischem Humor» aufwartet. Das klarste Indiz für den ganz normalen WG-Wahnsinn ist aber wohl der raumhohe, aufblasbare Schneemann, der sich zum ­Anlass unseres Besuches zwischen Küche und Esstisch breit gemacht hat. Der Name des aufgeblasenen Schneemanns ist der Redaktion nicht bekannt, jene seiner drei WG-Kollegen schon: Florian Fleischmann, Leo Wang und Joel Segura heissen die Herren. Alle sind Anfang Dreissig und haben in den letzten sieben Jahren eine der beständigsten WGs in der abl-Siedlung Himmelrich gebildet.

Von Hergiswil nach Luzern
Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Hinter dem WG-obligatorischen «Beamer-Zimmer», dem Schneemann und den halb ironischen Einrichtungsentscheidungen steckt eine Freundschaft, die über Jahre gewachsen ist – lange bevor diese WG überhaupt ein Thema war. Die Geschichte führt rund zwanzig Jahre zurück nach Hergiswil. Dort lernen sich die drei mit Eintritt in die Oberstufe kennen. «Ich erinnere mich gut, Leo zum ersten Mal im Schulhaus zu sehen», sagt Flo rückblickend. «Er war grade aus China hergezogen und sprach noch kein Wort Deutsch oder Englisch – aber irgendwie haben wir uns schnell verstanden.» Wenig später stiess Joel dazu. Aus dem gemeinsamen Schulweg entstand rasch Vertrautheit, auch ohne viele Worte. Die Sprache kam mit der Zeit – die Freundschaft blieb.

Vom Zweifel zur WG
Auch nach der obligatorischen Schulzeit verloren sich die drei nie aus den Augen. Und das trotz unterschiedlicher Wege, die sie einschlugen: Während es Joel in die Finanzbranche zog, fand Leo seinen Platz in einem Ingenieurbüro. Flo machte sich derweil als Innenarchitekt einen Namen. Joel verrät eines der Geheimnisse für die Langlebigkeit dieser Freundschaft: «Wir gingen jedes Jahr zusammen in die Ferien. Das tun wir bis heute.» Und zwar nicht nur zu dritt, sondern mit jeweils bis zu zehn Personen aus dem Freundeskreis. Im Sommer 2019 stellen alle drei fest, dass sich ihr Lebensmittelpunkt längst vom Lopperdorf nach Luzern verschoben hat. Also: Warum nicht zusammenziehen? Die Besichtigung im Himmelrich folgt schnell. Die Wohnung an der Ecke Claridenstrasse und Heimatweg – direkt über dem Restaurant Pastarazzi, mit Blick auf das Bleichergärtli – überzeugt Flo zunächst nicht. Zu verwinkelt, zu wenig klar. «Letztlich ist diese Wohnung aber so zentral gelegen und bietet alles, was wir suchten», sagt Leo. Innenarchitekt Flo konnte vom Potenzial der Wohnung überzeugt werden, Joel unterzeichnete den Vertrag – und die WG war geboren.

Von der Intervention zur Party
Gemeinsam in den Ferien abzuhängen und zusammen zu leben, ist bekanntlich nicht dasselbe. Zu diesem Zeitpunkt ist die Freundschaft jedoch schon derart gefestigt, dass es nie zu grösseren Reibungen kommt. «Klar, ab und zu gibt es kleine Sticheleien – vor allem, wenn ich wieder mal einen leeren Milchkarton stehen lasse», gesteht Flo. Leo und Joel nicken in leicht vorwurfsvoller Zustimmung. «Es gab auch ein-, zweimal eine Art Intervention, als wir das Gefühl hatten, wir müssten hier ein Upgrade in Sachen Ordnung durchführen», sagt Joel und fügt an: «Also sassen wir hier in der Küche zusammen, fingen an zu planen – und am Ende ging es mehr um die Organisation der nächsten Party.»Falls nun das Bild einer versifften Junggesellen­bude entstanden ist, in der sich verkrustete Pasta­teller im Spülbecken stapeln und der Wäscheraum zur toxischen Sperrzone erklärt werden müsste, täuscht dieser Eindruck. «Irgendwie haben wir es geschafft, auch ohne feste Ämtli und Waschpläne die Wohnung im Schuss zu halten», resümiert Flo. Leo ergänzt: «Wir haben zudem ein gemeinsames Konto, mit dem wir unter anderem sicherstellen, dass immer etwas Ess- und Trinkbares im Kühlschrank ist.»Spätestens beim gemeinsamen Kochen kommt die WG zusammen. «Die Küche ist das Herz unserer WG», sagt Flo. Hier werden Sprüche geklopft, Frust rausgelassen, diskutiert und Pläne geschmiedet. Hier entstand auch die Idee, mit zwei anderen WGs im Quartier eine Woche lang in neu zusammengewürfelten Konstellationen die Wohnungen zu tauschen. Und hier wurde auch beschlossen, dass ein übergrosser, aufblasbarer Schneemann genau das Richtige für den Balkon wäre.

Ob auch der vierte Mitbewohner bei der Verwaltung angemeldet ist?

Neues Kapitel steht an
Nicht zuletzt wegen solcher Geschichten war bald klar: Diese WG gibt es nur, solange alle drei dabei sind. «Wir haben es zwar lange nicht ausgesprochen, aber es war für uns irgendwie selbstverständlich», sagt Flo. Nach rund sieben gemeinsamen Jahren im Himmelrich ist das Ende der WG nun absehbar. Joel wird Ende Jahr auf Reisen gehen – und auch die Tatsache, dass mittlerweile alle drei in Beziehungen sind, zeigt: Eine neue Lebensphase beginnt. Eine Abschlussparty ist bereits eingeplant. «Bereits heute ein ‹Sorry› an die Nachbarn. Es ist das letzte Mal!» Keine Frage: Mit der Auflösung dieser WG verliert das Himmelrich eine bunte Gruppe, die ordentlich Leben ins Quartier brachte. Was bleibt, ist eine Freundschaft, die längst vor dem Himmelrich begonnen hat – und wohl noch lange nicht endet.