Genossenschaftskultur
Zu Besuch in «Bernis Garten»
Die Gartensaison hat begonnen – auch an der oberen Bernstrasse. Hinter der Überbauung werden Beete neu abgesteckt, Erde verteilt und Anbaupläne diskutiert. Dank einer engagierten Gruppe von Anwohnenden wächst hier neben Gemüse auch ein Stück Nachbarschaft.

Beim gemeinsamen Mittagessen macht eine Flasche Rotwein die Runde. Vielleicht ist es dieser Moment, vielleicht die frühsommerliche Wärme oder beides zusammen: Jedenfalls liegt für einen Augenblick ein Hauch von toskanischem Flair über dem Garten hinter der Überbauung an der oberen Bernstrasse.
Für ausgedehnte Dolce-Vita-Momente bleibt an diesem Sonntag allerdings wenig Zeit. Wo in einigen Wochen Zucchini, Kartoffeln und Kürbisse wachsen sollen, wird noch gegraben, verteilt und geplant. Die neue Pergola hat die Gartengruppe am Morgen gemeinsam aufgebaut – jetzt steht sie da, noch ohne Reben. Ein kurzer Moment zum Durchatmen, dann geht es weiter.
Freude und Frust der Gartenarbeit
Ein kleiner Serpentinenweg führt entlang des Hangs zu drei terrassenartigen Anbauflächen, die in mehrere Beete unterteilt sind. Daneben befindet sich eine Fläche für Kräuter aller Art, aber auch naturbelassene Bereiche, die bereits von eifrigen Bienen durchforstet werden.
«Bernis Garten» hat die Gruppe ihr Projekt getauft, angelehnt an die Bernstrasse. Einer, der von Anfang an dabei ist, ist Uli Küper. «Das Gartenprojekt wurde letztes Jahr lanciert, jetzt sind wir in der zweiten Saison.» Der «harte Kern» der Gruppe besteht inzwischen aus acht Personen aus der Siedlung – weitere helfende Hände sind immer willkommen.
Das erste Jahr im Garten sei vor allem ein Experiment mit vielen Lernmomenten gewesen: (Zu) viele Ideen, ein wenig idealer Untergrund und eine hartnäckige Schneckenplage sorgten zwischendurch für handfesten Frust. Und dennoch: Die Gruppe blieb dran, entfernte Geröll und Lehm aus dem Boden, versuchte, der Erde das zu geben, was sie braucht – und erntete am Ende doch genug Rüebli, Kohl und Peperoncini, um die Motivation für dieses Jahr hochzuhalten.
Neben dem Garten wächst die Gemeinschaft
«Letztes Jahr haben wir viel zu früh begonnen», nennt Uli Küper ein Beispiel für die schwierigen Startmonate. «Dieses Jahr warten wir, bis die kalten Nächte wirklich vorbei sind.» Gartenspezialisten gibt es in der Gruppe keine, doch genau das mache ein Teil des Reizes aus. «Wir lernen hier gemeinsam dazu», sagt Uli. Für viele sei die körperliche Arbeit im Garten ein guter Ausgleich zum Berufsleben. «Ich bin im Job ein typischer ‹Drinnie›, der grösstenteils vor einem Bildschirm sitzt», sagt der Grafikdesigner.
Mindestens genauso wichtig ist für viele in der Gruppe das, was neben der Arbeit im Garten entsteht: Austausch, Gemeinschaft, Nachbarschaft. Das bestätigt auch Chris Muhr. Die technische Kauffrau zog vor zwei Jahren aus Bremgarten an die Bernstrasse und hat sich hier nicht zuletzt dank der Gartengruppe bald zu Hause gefühlt. «Man hätte die Felder auch individuell aufteilen können, aber wir wollten ein gemeinsames Bewirtschaften versuchen. Der grosse Benefit ist die Vielfalt der Anbausorten und dass der Garten kein Stressfaktor wird, wenn es mal an Zeit mangelt, sei es durch Ferien oder Arbeit.» Das Gärtnern in der Gruppe fördere zudem den direkten Austausch und eine regelmässige Abstimmung untereinander, damit alle Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden können.
Chris Muhr ist es auch, die den Anbauplan zusammengestellt hat. Ein passendes Tool hat sie im Netz gefunden, anschliessend hat sie in Absprache mit der Gruppe eine detaillierte Übersicht der rund ein Dutzend kleinen Beete erstellt. Darin ist festgelegt, wo die Kartoffeln ihren Platz finden, wo Broccoli wachsen soll oder wo der Rhabarber aus dem Boden spriesst.
Chris relativiert jedoch gleich selbst: «Gute Pläne liefern hilfreiche Anhaltspunkte, sie sollten aber nie so starr sein, dass man sie nicht mehr anpassen kann. Bei einem Garten gilt das erst recht – mal schauen, was kommt und was nicht. Die Freude, wenn etwas wie geplant wächst, ist aber schon extrem gross.»

Nächstes Projekt ist bereits klar
Während er die Erde nochmals auflockert, reflektiert Tim Büchler, was ihn dazu bewogen hat, bei der Gartengruppe mitzumachen. «Einerseits lernt die Nachbarschaft sich so auf eine ganz andere Weise kennen, andererseits hat es mich auch einfach wundergenommen, wie es ist, Gemüse selbst zu produzieren, statt es nur im Discounter auf die Waage zu legen.» Ein Stück weit spiele bei ihm auch Nostalgie mit, sagt Tim. «Mein Vater war Koch und hat im Garten immer auch selber Gemüse und Kräuter angebaut. Mich hat das damals zwar nicht besonders interessiert, aber es ist mir heute doch irgendwie vertraut.» Für diesen Sonntag ist das Werk getan, und nach und nach verabschieden sich die Gruppenmitglieder – mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen und Wochen wieder Zeit und Herzblut in «Bernis Garten» zu investieren. Zum Schluss verrät Uli Küper noch, dass bereits ein weiteres Gartenprojekt ins Auge gefasst wurde: Im stillgelegten Brunnen der Siedlung soll ein Naschgarten entstehen, der die Nachbarschaft mit Beeren und Snackgemüse versorgt. Bis geerntet werden kann, dauert es noch eine Weile. Schon jetzt ist aber spürbar, wie sehr der Garten dem Quartier gut tut.
Gemeinschaftsgarten starten?
Haben Sie Lust, in Ihrer abl-Siedlung Setzlinge zu pflanzen und frisches Gemüse zu ernten? Die abl unterstützt gemeinschaftliche Initiativen und fördert Begegnung, Nachbarschaft und aktives Zusammenleben.
Begleitet werden solche Projekte von der Fachstelle Genossenschaftskultur und Soziales. Auch finanziell ist Unterstützung möglich: Über den Genossenschaftskulturfonds werden soziokulturelle Vorhaben und Investitionen gefördert. Bei Interesse melden Sie sich unter 041 227 29 36, genossenschaftskultur (at) abl.ch.



































































































